Funkwagen – Unterwegs mit der Verkehrslenkung

Dirk hat seinen Arbeitsplatz in der Leitstelle hier bereits verlassen - kurz darauf fahren wir im Funkwagen zum Hauptbahnhof

Dirk hat seinen Arbeitsplatz in der Leitstelle hier bereits verlassen – kurz darauf fahren wir im Funkwagen zum Hauptbahnhof

7.00 Uhr Leitstelle der Essener Verkehrs-AG. Die Herzkammer des Essener Nahverkehrs. Viele Männer und Frauen sprechen durcheinander, kurze Fragen, knappe Antworten. Der Ton ist rau aber herzlich und professionell. Funkgespräche, Telefonklingeln, Alarmsignale. Ich bin ganz still und beobachte: in einem Bahnhof in der Innenstadt steckt eine Straßenbahn fest.

Der Funkwagen nebst Verkehrsmeister ist weg – eine Fahrt mit Blaulicht ab zum Einsatzort hab ich knapp verpasst.

Auf den Monitoren kann ich den Einsatz vor Ort mitverfolgen. Die Fahrgäste wurden vom Bahnhof evakuiert – die Feuerwehr ist vor Ort und überprüft per Wärmebildkamera ob Brandgefahr besteht. „Der Federspeicher sitzt vermutlich fest. Dann qualmt und stinkt es“, erklärt mir der Leiter der Leitstelle, Frank Vodusek. Ich nicke wissend und schaue mit einem Auge weiter auf die Monitore und mit einem fragend in das Gesicht von Dirk Wiaczka. Dirk ist Verkehrsmeister und Ausbilder und seit 1990 bei der EVAG. „Federspeicher ist bei einer Bahn wie die Handbremse beim Auto“, wispert er mir zu und zwinkert. Dankbar aufgeschlaut wende ich mich Frank Vodusek zu: „Das hatte ich kürzlich auch, an meinem Auto hat sich die Handbremse festgesetzt – das hat vielleicht gestunken.“ Frank bietet mir einen Kaffee an.

Mittlerweile sind die Kollegen aus der Werkstatt vor Ort und versuchen erste Hilfe beim Lösen der Bremse zu leisten. Wir beobachten alles per Bildschirm. „Der Wagen muss in die Werkstatt“, vermutet Frank und wartet nun darauf, dass die Feuerwehr die Störung frei gibt. Stau im Tunnel will Frank Vodusek nicht. Der Betriebsablauf muss ja reibungslos funktionieren.

Im Schichtbetrieb durchs Stadtgebiet

Dirk Wiaczka fährt mit mir zum Hauptbahnhof. Wofür ist denn nun ein Funkwagen genau da? „Wir sind das sehende Auge der Leitstelle. Unsere Funkwagen sind etwa so unterwegs, wie die Polizei das auch macht. Im Tagesgeschäft fahren wir durchs Stadtgebiet – wir schauen uns Oberleitungen an, die Haltestellen und die Linienwege. Wenn uns ein Makel auffällt, leiten wir die Reparatur ein. Kleinere Sachen an den Fahrzeugen, wie Türschäden, Austausch von Wischerblättern oder Birnen fürs Fahrlicht wechseln beheben wir selber, damit der Betrieb weiter läuft und die Kollegen so schnell wie möglich weiterfahren können.“

Und im akuten Fall? „Meinst du so, wie heute Morgen mit dem festsitzenden Federspeicher? Dann nimmt der Funkwagen-Kollege vor Ort den Fall auf und bespricht sich mit der Feuerwehr. Unter Umständen fährt er dann auch das Fahrzeug ein in die Werkstatt. Danach muss er alles ordentlich in einer Meldung dokumentieren.“ 

Dirk muss vorgehen

Mittlerweile sind wir im Essener Hauptbahnhof angekommen. In der alten Leitstelle befindet sich das Ortsstellwerk. Dirk meldet uns telefonisch für eine Tunnelbegehung bei der Schaltwarte in der Leitstelle in der Schweriner Straße an. Damit wir nicht im Dunkeln umherirren müssen, wird für uns die Notbeleuchtung eingeschaltet.

Im Tunnel - Blick in die Weichenstraße am Essener Hauptbahnhof

Im Tunnel – Blick in die Weichenstraße am Essener Hauptbahnhof

In Warnwesten gehüllt laufen wir über den belebten Bahnsteig und verschwinden hinter der Durchgang-Verboten-Abgrenzung . Gleise, Gleisbett, Tunnelröhren und Not-Stege – die erleichtern das Laufen. Immer wieder fahren U-Bahnen und Straßenbahnen an uns vorbei. Dirk pendelt mit seiner Taschenlampe – Vorschrift. Und vorschriftsmäßig bremsen alle Fahrerinnen und Fahrer auf Schrittgeschwindigkeit herunter. Licht an im Tunnel heißt immer: es sind Menschen dort unterwegs. „Das Schwenken der Taschenlampe ist eine zusätzliche Absicherung für uns. Die Bahnen dürfen hier teilweise mit 80 Km/h fahren – das sind Sogwirkungen, die überstehst du nicht unverletzt.“

Bisschen mulmig ist mir schon. Meine letzte Tunnelbegehung liegt schon ein paar Jahre zurück. „Du gehst vor, Dirk, ne?“ Dirk kennt sich aus hier unten. Auch das gehört zum Job der Verkehrsmeister – die Begehung der Tunnelanlagen. Hier überprüfen sie den technischen Zustand von Weichen und Signalanlagen. Bei einer akuten Weichenstörung müssen sie raus, und vor Ort per Weichenschlüssel und Weichenkurbel versuchen, den Fahrbetrieb wieder in Gang zu bringen. Auch hier müssen sie sich in der Leitstelle anmelden und fragen, ob sie die nicht funktionierende Weiche elektrisch abstellen dürfen. Das Weichenkurbeln wird halbjährlich aufgefrischt.

Bisschen farblos tauchen Dirk und ich aus dem Tunnel wieder auf

Bisschen farblos tauchen Dirk und ich aus dem Tunnel wieder auf

Wir laufen Richtung Aalto-Theater. Ich muss mich sortieren – welche Straße ist gerade über uns? Ich tippe auf die Huyssenallee. Ist sie aber nicht. Irgendwo unter dem Stadtgarten und dem Saalbau führt Dirk mich zu einem Notausstieg. Nach etlichen Stufen in der Treppen-Spirale öffnet er eine Tür und wir sind – wieder im Tunnel.

Kurz rechts rum – Licht! Und um’s Eck steht auch schon eine 106 an der Haltestelle. Wir fahren zurück zum Hauptbahnhof. Auf der Rolltreppe nach oben meldet Dirk uns ab. Die Kollegen in der Schaltwarte schalten für uns das Licht aus.

24 Stunden im Einsatz

Um vier Uhr früh startet der erste der EVAG-Funkwagen. Mit Ein-Mann-Besetzung ist ein Funkwagen im Einsatz. Um fünf Uhr kommt ein zweiter Wagen hinzu. Um sieben Uhr dann der Dritte. Bis 19.30 Uhr sind im Stadtgebiet dann drei Funkwagen unterwegs, danach dann zwei und ab 23 Uhr bis vier Uhr ist es dann einer. Alle Mitarbeiter, die im Funkwagen im Einsatz sind, haben auch eine Zusatz-Ausbildung zum Stellwerker.

Ach so: und die Sache mit dem Stellwerk… Die erzähle ich ein anderes Mal.

Einer der Funkwagen, die durch das Stadtgebiet fahren.

Einer der Funkwagen, die durch das Stadtgebiet fahren.

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Sylvia Neumann

Sylvia Neumann

22.09.2015