Erinnerungen an den Alpha-Liner: Mit Kohl, Mitterrand und Chirac in einem Bus

Der Alpha-Liner im Jahre 1992 – der Luxus-Liner der damaligen EVAG fährt Staatspräsidenten, Rockstars und Scheichs durch die Lande. Von außen sieht er fast aus wie ein normaler Reisebus. Am Steuer – eine Frau.

Gertrud Lüttkenhorst, damals Busfahrerin im Betriebshof Ruhrallee, wurde angesprochen „weil eine Frau unter den Fahrern sein sollte.“ So hat sie sich dann beworben und den Bus gemeinsam mit ausgewählten Kollegen zu gebuchten Terminen gefahren. Sie schmunzelt heute immer noch darüber.

Lüttkenhorsts erste Reise mit dem Vorzeigebus der Stadt Essen führte sie direkt ganze drei Wochen lang durch die neuen Bundesländer mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. „Eigentlich wollte ich diese Reisebusnummer nicht. Allerdings habe ich so den Bus sofort intensiv kennengelernt.“

Seine überdimensionierten Spiegel erinnerten damals an ein Insekt

Und auffällig war er auch so für die damalige Zeit. Ob optisch oder durch seine exklusive Ausstattung. 381 PS brachte der Konferenzbus damals auf die Straße, drinnen Klimaanlage, Ledersitze, sieben Konferenztische, Telefon, Telefax, Kopiergerät, Videoanlage mit fünf Monitoren, zwei Radioanlagen, Kassettenrecorder, CD Player und eine komplette Bordküche. Der Luxusbus, eine Extraanfertigung der Firma Kässbohrer, kostete rund
700.000 D-Mark. Gewollt wurde das protzige Gefährt von Oberstadtdirektor Kurt Busch und Alt-Oberbürgermeisterin Annette Jäger. Und zwar aus repräsentativen Gründen, um den Gästen der Stadt Essen etwas Besonderes bieten zu können. So war das damals. Und einige wenige Jahre ging das auch recht gut.

„Dann kegeln mir die Staatspräsidenten durch den Bus“

Gertrud Lüttkenhorst fuhr den Bus im Jahre 1994 dann zum EU-Gipfel durch Essen – mit an Bord: Helmut Kohl, François Mitterrand und Jacques Chirac. Die Abholung erfolgte an der Gruga – das Ziel: Schloß Hugenpoet. Lüttkenhorst fuhr an der Spitze eines Konvois, geleitet durch die Polizei – die schneller fuhr als alle zusammen. „Ich dachte, wenn ich denen jetzt folge, dann kegeln mir die Staatspräsidenten durch den Bus. Also bin ich einen Schlenker gefahren, um dann wieder der Polizei zu folgen“, sie lacht.

„Während einer anderen Tour fuhr ich alle Frauen und Kinder eines Scheichs aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zum Phantasialand. Der Scheich hatte das komplett für einen Tag gemietet. Und dazu auch gleich zwei Hotels in Düsseldorf. Das waren schon interessante Fahrten.“

Promis im Vorzeige-Bus

Spaniens König Juan Carlos, Königin Silvia von Schweden, Margrethe II. von Dänemark samt Familie, Ronald Reagan, Boris Jelzin, Michail Gorbatschow, die Bundespräsidenten Rau und Herzog, Peer Steinbrück und Ex-Boxweltmeister Axel Schulz, um nur einige mehr aufzuzählen, nahmen Platz im Vorzeige-Bus.

Für ein paar Jahre. Dann wurde er meistens für eigene Fahrten genutzt, bis er dann recht betagt ausgemustert wurde. Heute ist er längst in Rente, der damalige Prachtbus von Stadt und EVAG. Und soweit ich weiß, geht es ihm gut, aber das ist eine andere Geschichte, die es zu erzählen gilt. Ich recherchiere noch und werde berichten – bin ich doch selber mal fünf Tage auf Reisen mit dem Alpha-Liner gewesen und habe als Reisebegleitung und laut Prospekt „dezente Klassik oder aktuelle Popsongs“ in die Kopfhörer der Gäste gezaubert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sylvia Neumann

Sylvia Neumann

09.09.2020